Best-Practice Beispiel aus dem Handwerk

Digitalisierung im Handwerk – wie Apps, Barcodes und Drohnen bei der Steffen Huber GmbH richtungsweisend eingesetzt werden

Das folgende Interview wurde von Julia Jenzen für die Unternehmerzeitung (UZ) des Unternehmerverbandes Norddeutschland Mecklenburg-Schwerin e.V. geführt. Das vollständige Interview findet sich in der Ausgabe 4/2018 und ist als PDF verfügbar.

UZ: Herr Huber, der Dachdeckermeister ist ein traditioneller Handwerksberuf. Denken Sie, die Digitalisierung im Handwerk kann bei der Nachwuchsgewinnung ein Anreiz für junge Leute sein, diesen Beruf zu ergreifen?

Huber: Auf jeden Fall. Auch das Dachdeckerhandwerk hat stark mit dem Azubi-Mangel zu kämpfen. Der Einsatz von digitaler Technik kann Arbeitsprozesse deutlich vereinfachen und beschleunigen. Das trägt natürlich zur Attraktivitätssteigerung des Dachdeckerberufes bei. Viele Schülerinnen und Schüler, aber auch die Eltern, haben ein völlig veraltetes Bild von einem Dachdeckerbetrieb, z.B. schleppt bei uns niemand tonnenweise Dachziegel von A nach B. Warum auch, dafür gibt es Kräne. Und dabei ist es auch völlig egal, ob die Bewerber männlich oder weiblich sind. Mir ist es wichtig, den jungen Leute und ihren Eltern frühzeitig zu zeigen, wie wir mit moderner Technik heutzutage arbeiten. Oft fehlt es an der Wertschätzung und einem Grundverständnis für einen handwerklichen Beruf.

UZ: Sie sind für den VR-Innovationspreis des Handwerks 2018 nominiert. Mit welchen innovativen Ideen haben Sie Ihr Unternehmen in den letzten Jahren in Sachen Digitalisierung voran gebracht?

Huber: In den letzten drei Jahren haben wir an vielen Stellschrauben gedreht und ca. 50.000 Euro investiert. Größter Meilenstein dabei war im letzten Jahr unsere eigene App, die mit den Herstellersoftwares vernetzt ist. Dadurch kann jeder Mitarbeiter zu jeder Zeit auf Bauordner, Bilder, Zeichnungen, Aufträge und Materialbestellungen zugreifen. Die Teamkommunikation wurde dadurch ebenfalls enorm verbessert. Früher gingen viele Informationen verloren und das führte zwangsläufig zu Fehlprozessen oder Materialbestellungen wurden doppelt ausgelöst. Das ist ärgerlich und kostet Zeit und Geld. Die App speichert alle Kundendaten direkt in der Cloud. Die App wird durch ein eigens für entwickeltes Barcodesystem ergänzt. Alle Informationen sind mit einem Scan verfügbar und Papier wird immer überflüssiger. Außerdem sind wir gerade in der Testphase für die elektronische Zeiterfassung.  Wir setzen auch Drohnen ein, die direkt beim Kunden vor Ort ein Aufmaß erstellen und automatisch in die Cloud laden. Es gibt viele Ansatzpunkte, einen Handwerksbetrieb zu digitalisieren. Wichtig ist, den Anschluss nicht zu verpassen und bei Veränderungen alle Mitarbeiter mitzunehmen. Digitalisierung funktioniert nur, wenn alle mitziehen. Das komplette Unternehmen muss sich auf diesen Wandel einlassen. Aber die Erfolge sprechen am Ende für sich.

Foto: Thomas Griesbeck on Unsplash

UZ: Bis 2020 soll das Planen und Bauen mit Building Information Modeling (BIM) bundesweit zum Standard werden. Wie sehen Sie die Zukunft von BIM und wo stehen die KMU ihrer Erfahrung in M-V?

Huber: Ich denke, für die meisten klein- und mittelständischen Handwerksbetriebe ist BIM noch in weiter Ferne. Für viele Betriebe muss zunächst ein „digitales Fundament“ geschaffen werden. Zunächst sollte sich jeder um eine vernünftige Dokumentation und elektronischen Schriftverkehr kümmern – weg vom Papier und Schluss mit Zettelkram! Das betrifft auch die komplette Kundenkommunikation.  Als zweiten Schritt sollte das Rechnungswesen soweit digitalisiert werden, dass man auch von Lieferanten nur noch elektronische Rechnung erhält und diese direkt ins System eingebunden werden kann. Da kommt für viele BIM ganz weit hinten in der To-do-Liste. Ganz wichtig – BIM muss mit den branchenspezifischen Softwarelösungen kompatibel sein, ohne zusätzlichen Aufwand. Denn am Ende nützt aller Aufwand nicht, wenn nur ein Bruchteil der Gewerke BIM einsetzt. Und wenn öffentliche Aufträge als „digitale“ Ausschreibungen deklariert werden, indem man ein 200-seitiges PDF-Dokument zum Download anbietet, geht das auch am Ziel vorbei.

UZ: Spielt digitales Lernen für Sie eine Rolle?

Huber: Ja, klar. Ich selbst nutze z.B. regelmäßig Webinare. Entweder direkt von Herstellern, aber auch von anderen Anbietern. Dadurch kann ich das Lernen zeitlich individuell einplanen und muss nicht durch halb Deutschland reisen. Die Hersteller kommen aber auch regelmäßig für Software-Inhouse-Schulungen direkt zu uns oder schalten sich per Fernwartung auf unsere Systeme und schulen uns direkt am Produkt. Viele haben auch Youtube-Kanäle mit Erklärvideos oder FAQs. Die Berufsschulen hängen da leider noch etwas hinterher. Handwerklich wird meist vorbildlich gearbeitet, aber vom digitalen Lernen sind die Schulen und Ausbildungszentren häufig noch weitentfernt und können mit modernen Ausbildungsbetrieben nicht mithalten.

UZ: Wohin geht der Trend bei der Digitalisierung im Handwerk?

Huber:  Auf jeden Fall treibt die Digitalisierung die individuelle Einzelfertigung voran. Schon jetzt kann ich spezielle Bauteile in Losgröße 1 fertigen lassen und so auf konkrete Kundenwünsche eingehen. Die meisten Materialbestellungen laufen auch zunehmend über Onlineshops. Dort kann man sich seine Waren zusammenstellen und erhält direkt alle Produktdaten. Diese kann ich direkt in mein Angebot für den Kunden einbinden. Dadurch fallen leider die lokalen Großhändler immer weiter ab. Viele Hersteller bieten bereits eigene tolle Apps an. Dadurch kann ich beispielsweise vor Ort beim Kunden mit Augmented Reality simulieren, wie bestimmte Fenster eingebaut aussehen und wie sich dies auf den Lichteinfall auswirkt. Ein Flachdachhersteller hat eine App, bei der ich die Ist-Daten der Baustelle eintrage und die App schlägt mir normgerechte Lösungen vor.  

Letztendlich kann Technik die Steuerung erleichtern , aber keine Menschen ersetzen. Man muss daher auch lernen „Nein“ zu sagen und die eigenen Grenzen definieren. Wir können nicht unendlich viele Aufträge annehmen, denn am Ende sind es Menschen, die die Arbeit ausführen und Handwerker sind bekanntlich Mangelware. Daher kommt es bereits jetzt durchschnittlich zu Wartezeiten 3 – 6 Monaten und „Noteinsätze“ für Neukunden sind kaum machbar. So gut wie jeder Mensch hat einen Hausarzt, aber kaum einer einen Hausdachdecker. Und selbst wenn wir jetzt einen Run auf die Ausbildungsplätze erleben würden, fehlt es gleichzeitig an ausbildendem Personal.

Vielen Dank !